Symbol GeschichtsatlasDas gelbe Fleckerl


Ab dem 19. September 1941 galt in Wien die "Kennzeichnungspflicht" für Jüdinnen und Juden. Wer von den jüdischen Mitbürgern älter als sechs Jahre war, musste auf der linken Seite der Oberbekleidung angenäht und gut sichtbar den leuchtend gelben, sechszackige Judenstern mit dem Wort "Jude" in der Mitte tragen. Nur jüdische Frauen in kinderloser Mischehe mit "arischen" Männern bzw, in einer Mischehe lebende jüdische Ehemänner mit Kindern, die nicht als Juden galten, waren davon ausgenommen.

Basis für die "Kennzeichnungspflicht" war eine Verordnung, die bereits am 1. September 1941 in Kraft getreten war. Verstöße dagegen galten als "Polizeivergehen". Die Personen wurden verhaftet, mussten eine Geldstrafe zahlen, wurden zu Zwangsarbeit verschleppt oder in ein Vernichtungslager deportiert. Auch das Verdecken des Judensterns mit Rockumschlag, Aktentaschen, Handtaschen oder Halstücher war verboten und wurde entsprechend polizeilich geahndet. Das Tragen des Judensterns wurde mit besonderer Härte kontrolliert.

Die Jüdinnen und Juden mussten die Sterne kaufen. Erhältlich waren sie in Suppenküchen, Altersheimen und Schulen der IKG (Israelitischen Kultusgemeinde) bzw. jene, die konfessionslos waren oder einer anderen Religionsgemeinschaft angehörten, mussten den Judenstern bei der "Auswanderungs-Hilfsorganisation für nichtmosaische Juden in der Ostmark" erwerben.

Beim Kauf wurde Name, Geburtsdatum, Kennkartennummer und Wohnadresse erfasst. Somit hatte die "Zentralstelle" der Nationalsozialisten ein aktuelles Verzeichnis der Wohnadressen, welche für die im Herbst 1941 beginnenden großen Deportationen von großen Nutzen war.

Judenstern Ostmark

Die Menschen mit den Sternen waren richtig ausgestoßen von der Gesellschaft, sie wurden zum Freiwild. Wienerinnen und Wiener gaben z.B. ohne Grund jüdischen Kindern eine Watsche und sagten dazu "Du Judensau!", wie Helga Feldner-Busztin erzählte. Wienerinnen und Wiener spuckten die jüdischen Mitbürger an, stießen sie vom Gehsteig oder schlugen sie zusammen. Beschimpfungen waren noch das geringste übel. Manche Jugendliche versuchten die Judensterne mit Schuhpasta abzudunkeln, um ihnen die Leuchtkraft zu nehmen. - Wegen der zunehmenden übergriffe trauten sich viele Gekennzeichnete nicht mehr aus ihren Wohnungen. Es gab nur ganz wenige öffentliche Räume, in welchen sich Jüdinnen und Juden ohne Stern bewegen durften (Terrasse am Kornhäuslturm, Jüdische Abteilung des Zentralfriedhofs). Der Judenstern verstärkte die Isolation der jüdischen Mitbürger. Die Wiener/innen wurden in den Zeitungen ermahnt, kein Mitleid mit den jüdischen Mitbürgern zu haben (Völkischer Beobachter-Wiener Ausgabe, 21.9.1941). Am 24. Oktober 1941 kam das Verbot des freundschaftlichen Kontakts zwischen "Ariern" und Juden dazu.

Seit 1938 wurde die jüdische Bevölkerung der Ostmark (wie das an das Deutsche Reich angeschlossene Österreich hieß) systematische entrechtet, enteignet und aus dem öffentlichen Leben gedrängt. Die "Sternträger/innen" waren schutzlos übergriffen und Anpöbelungen ausgesetzt. Der Judenstern trieb die jüdische Bevölkerung noch stärker in die Isolation und half die Deportationen logistisch vorzubereiten. Zwischen Februar 1941 und Oktober 1942 wurden rund 45.500 jüdische Mitbürger in 45 Transporten vom Wiener Aspangbahnhof deportiert. Von der einst größten jüdischen Gemeinde Zentraleuropas in Wien in der Zwischenkriegszeit lebten beim Einmarsch der Roten Armee am 13. April 1945 nur mehr 5.512 Jüdinnen und Juden (Großteils in Mischehefamilien), ungarisch-jüdische Zwangsarbeiter/innen und 1.000 "U-Boote" (im Verborgenen Lebende). Insgesamt wurden mehr als 66.000 österreichische Jüdinnen und Juden Opfer der Shoah.

"Das gelbe Fleckerl" war der Text des Journalisten, Kabarettisten und Aushebers Walter Lindenbaum zur Melodie des von Fritz Spielmann 1936 komponierte populären Wienerliedes "Schinkenfleckerln"(Fleischversteckerl) als Anspielung auf die Einführung des Judensterns.


Das Gelbe-Fleckerl wurde in folgenden Ländern eingeführt:


1939.11.23 Generalgouvernement Polen (besetztes Gebiet)


1941.04.30/1941.06.11 Kroatien (Verbündeter)-rundes gelbes Metallzeichen mit "Z" für Zidow=Jude.


1941.07.06 Sowjetunion (besetztes Gebiet)


1941.07 Rumänien (Verbündeter)


1941.09.01 Slowakei (Verbündeter)-Schutzbriefe für rund 1/3 der jüdischen Mitbürger.


1941.09.19 Deutsches Reich mit Ostmark


1941.09.19 Protektorat Böhmen und Mähren


1941.10.01 Reichskommissariat Ukraine


1941.10.14 Luxemburg (besetztes Gebiet)


1942.05.05 Niederlande (besetztes Gebiet)- mit Jood=Jude.


1942.06.07 Belgien (besetztes Gebiet)


1942.06.07 Frankreich (besetztes Gebiet) ohne Vichy-Frankreich


1942.09.04 Bulgarien (Verbündeter)-nur 1/5 der jüdischen Bürger trugen den Davidstern.


Mazedonien (von Bulgarien besetzt)


1942.12 Tunesien (Sousse, Sfax, Moknine, Kairouan sowie Zwnagsarbeitslager)


1943.02.12 Griechenland (besetztes Gebiet)-mit Ausweisnummer


1943.09.08 Norditalien (Mailand, Turin, Verona, Venedig, Triest) und Teile Mittelitaliens (Bologna, Florenz)


1944.04.05 Ungarn (besetztes Gebiet)


In Dänemark (seit 1940 besetzt) lehnte die Regierung die Durchsetzung antijüdischer Maßnahmen ab. Sogar nach dem Rücktritt der Regierung 1943 wurde der Judenstern nicht eingeführt.


In Yad Vashem in Jerusalem gibt es die unterschiedlichen "Gelben Fleckerl" zu sehen.

B. Engelbrecht, 2026


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